Frater Samuel:

Vom Wert des Kindes

Jugendvigil 1. August 2008

Als wir begonnen haben, das Gesätzchen des Rosenkranzes zu beten und über die Stiegen aus der Kirche in den Kreuzgang herabgestiegen sind, sind wir an einem alten Raum vorbeigekommen, der im Mittelalter die erste Bibliothek des Klosters war und heute eine St. Anna-Kapelle ist. Wer ist die heilige Anna? Der Tradition nach ist Anna die Oma von Jesus, die Mutter Marias. Und die Überlieferung berichtet, dass Anna sehr lange keine Kinder bekommen konnte und deshalb sehr traurig war. Denn in Israel war es eine Schande, wenn eine Familie keine Kinder bekommen konnte. Sie galt als verflucht. Denn damals wussten die Menschen: Es ist Gott, der den Menschen segnet, damit er fruchtbar ist und Leben hervorbringt. Es war eine Kultur des Lebens. Eine alte christliche Schrift aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus berichtet von dem flehentlichen Gebet der kinderlosen Anna. Anna klagte:

„Weh mir, was bin ich wert? Wer hat mich gezeugt? Und welcher Mutterschoß hat mich geboren? Denn vor den Kindern Israels bin ich zum Fluch geworden, und sie haben mich geschmäht, verspottet und aus dem Tempel des Herrn vertrieben. Weh mir! Was für eine Frau bin ich nur? Ich bin nicht einmal wie die Vögel des Himmels, denn die Vögel des Himmels sind fruchtbar vor dir, Herr! […]“

Da stand auf einmal ein Engel des Herrn vor ihr und sagte: „Anna, Anna, der Herr hat dein Gebet erhört! Du wirst schwanger werden und ein Kind gebären, und von diesem Kind wird die ganze Welt sprechen.“ Anna erwiderte: „So wahr der Herr, mein Gott lebt: Wenn ich ein Kind bekomme, sei es ein Junge oder ein Mädchen, dann werde ich es Gott, meinem Herrn, als Geschenk darbringen, und das Kind soll alle Tage seines Lebens Gott dienen.“

Das Kind, das Anna bekommen wird, wird wirklich ein besonderes Kind sein. Und wirklich spricht die ganze Welt bis heute von diesem Kind. Wir haben in unserem Rosenkranz-Gesätzchen gerade von diesem Kind gesprochen und es gegrüßt: „Gegrüßet seist Du, Maria!“ So haben auch wir die prophetischen Worte über dieses Kind erfüllt. Seit 2000 Jahren erfüllen jeden Tag unzählbar viele Münder und Herzen betend diese Prophetie. So groß ist die Macht Gottes. So groß sind seine Zeichen. So groß ist vor ihm - ein Kind.
Herr, so groß ist Deine Liebe zu uns. Du zeigst uns in Maria, wie groß Du jedes Kind machen möchtest. Denn Maria ist ja in allem das Vor-Bild für uns Christen.

Aber, Herr, wir schauen mit Scham und Schrecken auf unsere Kultur des Todes im ehemals christlichen Europa, das die Kinder zurückweist und sie der Abtreibung oder der Verwilderung preisgibt, weil es lieber den Konsumgötzen dient. Herr, schenke uns in Deiner Kirche die Kraft zu einem neuen Zeugnis des Lebens, damit wir das Leben wieder wollen und ersehnen, es empfangen und es auch behüten, wenn es da ist. Schenk uns heilige Familien, Herr, lass uns wieder gute Väter und Mütter werden. Schenk uns auch gute geistliche Mütter und weise geistliche Väter, die die Kinder behüten und sie auf die Weide des Heiligen Geistes führen. Mach uns fruchtbar, Herr, damit wir Dich selbst hervorbringen und Dir Bruder werden, Schwester und Mutter. (vgl. Mt 12,50)




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