Vor zwei Jahren, am Beginn der Fastenzeit 2008, kam Pater Raynald nach dem Mittagessen zu mir. Er hatte einer kleinen Gruppe von Besuchern eine Führung durch unser Kloster zugesagt, aber es ging ihm nicht gut, und so fragte er mich, ob ich diese Führung kurzfristig übernehmen könnte. Ich hatte Kopfschmerzen und überhaupt keine Lust, aber ich habe trotzdem Ja gesagt.
Die Gruppe bestand aus sieben Personen, alle so um die sechzig Jahre alt, und sie waren alle ganz interessiert und nett. Es war auch eine sehr gepflegte Dame dabei, die am Anfang eher scheu und traurig wirkte und oft etwas abseits blieb. An einem Punkt nahm mich eine andere Dame aus der Gruppe beiseite und sagte zu mir: „Bitte, Pater, wenn Sie für unsere Freundin beten könnten?“ Sie nickte in Richtung der traurigen Dame. „Sie ist schwer krank, und sie ringt so sehr mit dem Glauben, mit Gott und mit der Kirche.“„Natürlich“, sagte ich, „das mache ich.“ Dann gingen wir weiter und kamen in die große Stiftskirche, der richtige Ort, um gleich ein Stoßgebet für die Dame abzuschicken.
Die Führung war insgesamt sehr segensreich, und ich kann wirklich nur sagen, dass einfach der Heilige Geist dabei war. Wie kann man sich das vorstellen? Ganz einfach: In den Gesichtern konnte ich richtig sehen, wie der Funke übersprang, und an vielen Punkten hörte ich mir geradezu selbst beim Reden zu. Wenn es wirklich der Heilige Geist ist, der durch das Kloster führt, dann leuchten mir selber währenddessen ganz plötzlich einige Dinge und Zusammenhänge erst ein, und von woher sonst sollte es da hineinleuchten außer von oben? Und so habe ich mich selbst einige Male gefragt: „Wer ist das, der da redet? Denn ich bin es sicher nicht! Ich wusste das alles ja selber gar nicht.“Zum Beispiel, dass jedes Kloster mit seinen Gebäuden ein Abbild der menschlichen Seele ist. Das gilt besonders, aber nicht nur für uns Mönche, sondern auch für jede und jeden einzelnen von euch, die ihr heute hierher gekommen seid. Es gibt nämlich in jedem von uns verschiedene Räume, in denen das ganze Leben, der Alltag und alles was zu uns gehört, seinen Platz hat. So wie dieser Lesegang des Kreuzgangs ein Platz ist, wo man sitzt und still ist und zuhört, soll es in dir auch einen Ort geben, an dem du still bist, zuhörst und Dinge aufnimmst. Oder die Stiftskirche: Sie ist der größte, höchste, weiteste und lichteste Raum im Kloster, weil sie der Ort des Gebets, der Ort der Heiligen Messe und der Gegenwart Gottes im Heiligsten Altarsakrament ist. Und wenn der heilige Paulus sagt: Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist? (1 Kor 6,19), dann heißt das: Jeder von uns hat in sich einen Raum, in dem Gott wohnt. Und dieser Raum soll der größte, höchste, weiteste und lichteste Raum in deinem Körper, deinem Herzen und deiner Seele sein, eben gerade weil Gott dort wohnt. Das ist der Raum in dir, in den du immer und überall, egal wo du gerade bist, in Gedanken hineingehen kannst, um im Gebet mit Gott zu sprechen.
Aber es gibt auch die Räume, im Kloster und in jedem von uns, in denen Unordnung ist, die Rumpelkammern, die Keller, in denen es schimmelt und stinkt. Aber eben dadurch hilft uns das Kloster als Bild für uns selbst, dass wir lernen, uns selbst auf gesunde Weise zu lieben. Denn wenn jemand hierher kommt und durch das Kloster geht und immer nur sagt: „Hier schimmelt es“ und „Dort hat es zu wenig Licht“ und „Da bröckelt der Putz“, dann würde man doch sofort sagen: „Aber schauen Sie doch mal auf all diese verschiedenen Räume! Schauen Sie doch mal nach oben, und nach vorne und nach hinten, links und rechts. Ist das nicht beeindruckend und schön? Wenn Sie nur die feuchten Wände sehen, haben Sie ja das Wesentliche gar nicht erkannt!“
Das bedeutet also: Schau selber mal neu und mit Staunen und Liebe in dich selbst hinein, schau auf die verschiedenen Räume in dir und staune, wieviel Sorgfalt und Schönheit Gott in dich hineingelegt hat! Klar, du wirst selbst schnell und am besten wissen, wo da auch noch unaufgeräumte Ecken sind, oder solche, wo man sich gar nicht hingehen traut, wo die Luft vielleicht schlecht ist und es zu wenig Licht gibt. Auch wenn es gerade in der Fastenzeit angesagt ist, hier und da (und vielleicht sogar heute) mit der Hilfe Gottes in der Beichte und im Gebet etwas Ordnung zu schaffen und Licht hineinzubringen: Beiß dich niemals an den dunklen Ecken fest, sondern versuche immer, das Ganze in den Blick zu bringen! Lass den Blick auf dich selbst durch Gottes Hilfe wieder weit werden, damit du das Wesentliche erkennst!Jedes Jahr in der Karwoche bringen wir hier im Kloster alles, aber vor allem die Kirche, drei Tage lang so richtig auf Hochglanz. Wir müssen das immer wieder tun, zweimal im Jahr beim Großputz und in kürzeren Abständen dann die allfälligen Aufräumarbeiten. Und das ist noch etwas, in dem dieses Bild auf uns alle passt: Wenn du das nämlich auch mit deiner Seele, dem Kloster in dir machst, dann bleibt es dort auch schön und wohnlich. Dann kannst du dich zuhause fühlen in deiner Haut, und vegetierst nicht wie ein „innerer Messie“ im eigenen Dreck vor dich hin. Dieses Aufräumen hilft dabei, dich selbst anzunehmen als die Person, als die Gott dich geschaffen hat – inklusive der Rumpelkammern.
All diese Sachen sind mir damals während dieser einen Führung beim Erzählen und Zeigen aufgegangen, auf die ich ja zuerst gar keine Lust gehabt hatte.Am Schluss wirkte die anfangs traurige Dame irgendwie viel weniger traurig, aber trotzdem war ich doch ein bisschen überrascht, als sie mir bei der Verabschiedung um den Hals fiel, mich fest drückte und sich mit Tränen in den Augen bedankte.
Sie kam seitdem immer wieder hierher nach Heiligenkreuz, hat mit uns viele Sonntagsmessen und auch einige Hochfeste gefeiert. In ihrer Krankheit hat sie tatsächlich wieder Halt und Trost im Glauben gefunden. Als ich sie im Dezember im Wilhelminenspital in Wien besucht habe, ging es ihr sehr schlecht, aber sie hatte ein Strahlen um sich, das mich wirklich angerührt hat.
Sie sagte zu mir: „Frater Kilian, wissen Sie, da sind immer noch so viele unaufgeräumte und dunkle Ecken. Aber ich bin jetzt einfach viel öfter in dem Raum, der der größte, höchste, weiteste und lichteste davon ist, so wie Ihre Kirche in Heiligenkreuz. Da wohnt Gott in mir, das weiß ich jetzt.“
Es war unser letztes Treffen.Heute vor genau drei Wochen, hat der Herr sie abends,
etwa um diese Zeit, zu sich gerufen.
________________________________________HERR JESUS,
mach mich bereit, jetzt in der Fastenzeit
mit deiner Hilfe in meinem Inneren aufzuräumen,
mit Ehrlichkeit, und im Licht deiner Liebe
auf mich selbst zu schauen.
Denn erst wenn du in mir wohnst,
im größten, höchsten, weitesten und lichtesten Raum
kann in mir und um mich herum alles gut werden.
Dann kann ich mit dir den Kreuzweg bewältigen,
und auf Ostern, ein neues Leben zugehen.
Hilf mir auf, Herr! Amen.