Frater Kilian:

BARMHERZIGKEIT WILL ICH...

Jugendvigil am 6. August 2010

Vor einigen Jahren, bevor ich ins Kloster eingetreten bin, war ich einmal auf der WG-Einweihungsparty eines Studienfreundes. Wie das so ist auf solchen Parties, bei denen selbst die Gastgeber den Überblick verlieren, wer da jetzt alles zu Gast ist: Da trifft man viele Leute, einige, die man gar nicht kennt, und mit denen man zwischen Nudelsalat, Bier und einer Portion Tiramisu mal kurz über irgendwas plaudert. Die meisten davon sieht man nie wieder, jedenfalls war das in Berlin oft so. Bei einer solchen Gelegenheit habe ich damals bei dieser einen WG-Party mit einem Studenten geredet, der gerade aus München zu Besuch war. Vielleicht eine halbe Stunde haben wir geplaudert, dann redete ich irgendwann mit einem Mädel weiter, das mit mir studiert hatte und jetzt auch in Berlin war und für mich völlig unerwartet auf dieser Party auftauchte.
Knapp ein Jahr später, 2006, bin ich dann ins Kloster gegangen, was damals ja ziemlich rasant ging. Klar, dass damit ein neuer Abschnitt begann, mit dem viele meiner alten Freunde und Bekannte nicht so viel anfangen konnten – plötzlich ist durch die Berufung Gott, ist die Eucharistie die Mitte und das Fundament meines Lebens, und viele waren oder sind davon vielleicht auch ein wenig überfordert.
Im Sommer letzten Jahres bekam ich eine e-mail von einem Absender, der mir erstmal unbekannt war. Als ich sie las, erinnerte ich mich: der Absender erklärte mir, dass er der Münchner war, mit dem ich damals auf dieser Party eine Weile gesprochen hatte. Er hatte von meinem Eintritt ins Kloster gehört, hatte irgendwie über den Studienfreund und damaligen WG-Party-Gastgeber meine mail-Adresse herausgefunden und richtete nun, etwas schüchtern, aber doch eine ganze Reihe von Fragen an mich. Über die Kirche, den Glauben, das Klosterleben.
Vor allem fand er es erklärtermaßen „voll krass“ und „heftig“, dass heutzutage noch jemand ins Kloster eintritt. Und so plötzlich auch noch!
Gleichzeitig machte er aber auch klar, dass er von Christus, der katholischen Kirche und dem Papst selber nicht viel hält. So flogen ein paar mails hin und her, bis er eines Tages schrieb, dass er mit einem Freund, den ich nicht kannte, für ein Wochenende Wien besuchen wolle und ob sie nicht vielleicht vorher eine Übernachtung hier im Kloster verbringen könnten. Ich freute mich über das Interesse, mir war aber auch ein bisschen komisch zumute, denn ich ahnte, dass unsere Gespräche anstrengend werden und sich vor allem um das Thema der kirchlichen Morallehre drehen würden, insbesondere um die Sexualmoral.
Und für die zeigte der Student doch eher wenig Verständnis, denn er machte keinen Hehl daraus, dass er selbst praktizierend homosexuell ist, ebenso wie der andere, mit dem er nach Wien fahren wollte. Andererseits: Wenn er von sich aus hierher kommen will und so viele Fragen hat, dass er sich sogar meine e-mail-Adresse besorgt hat, wieso sollte ich ihn davon abhalten?
Als die beiden dann im Oktober tatsächlich hierher kamen, habe ich sie begrüßt und zu ihren Zimmern gebracht. Danach habe ich ihnen von draußen gezeigt wo der Jugendraum ist, sie gebeten, sich dort schonmal hinzusetzen, während ich uns etwas zum Trinken hole.
So ging ich also los, etwas nervös. Auf dem Weg habe ich ein paar Stoßgebete abgeschickt, damit der Heilige Geist jetzt wirklich auch da ist, und dass ich sein Werkzeug werde. Schließlich ging es mir schon darum, die Wahrheit des Glaubens aufrichtig und ehrlich zu vertreten, ohne etwas zu verharmlosen. Ich wollte von der Liebe erzählen, die mir hier begegnet ist und immer wieder begegnet. Andererseits wusste ich, dass wir unweigerlich auch schwierige Themen behandeln würden, für die es viel Fingerspitzengefühl braucht. Aber solche Herausforderungen sind beim Heiligen Geist immer gut aufgehoben! Auf dem Weg zum Jugendraum wurde ich trotzdem immer nervöser, dann fiel mir plötzlich der Heilige Paulus ein, der von der Vollmacht redet, die der Herr ihm zum Aufbauen, nicht zum Niederreißen gegeben hat. (2 Kor 13,10) – Also: Mach du, Herr!
Ich öffnete die Tür zum Jugendraum. Ihr kennt diesen Raum ja fast alle. Hinten im Eck stehen zwei rote Sofas, dazwischen die große Statue vom Barmherzigen Jesus, der die beiden Arme weit ausbreitet und sein vor Liebe brennendes Herz auf der Brust zeigt – ganz offen, aber auch ganz verletzlich.
In diesem Moment wusste ich: das ist Gottes Werk. Von meinen beiden kirchenfernen Besuchern saß der eine direkt unter dem linken, der andere dicht unter dem rechten Arm der Statue. Und mir war, als würde Jesus zu mir sagen: Schau her, und jetzt lerne, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten. (Mt 9,13)
Nach langen und intensiven Gesprächen mit Lachen, einigen Meinungsverschiedenheiten, ein paar Tränen und einer Klosterführung sind die beiden am nächsten Tag nach Wien weitergereist. Ich dachte mir: Sie haben vielleicht noch einen langen Weg vor sich, aber das Bild von den beiden, wie sie vielleicht ganz unbewusst unter den ausgebreiteten Armen Jesu sitzen, der liebevoll, sehnsüchtig und geduldig auf sie schaut, das werde ich nicht mehr vergessen.
Zu Weihnachten haben sie mir übrigens eine Karte geschrieben. Der letzte Satz darauf lautet:
“Unser Besuch bei dir war unser Highlight 2009. Vielen Dank dafür!”

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HERR JESUS,
Danke, dass du uns immer wieder zeigst,
Dass Deine Liebe wirklich keine Grenzen kennt. 
Lehre uns, Geduld zu haben mit denen,
die fern sind von dir, und für sie zu beten,
um Heilung ihrer Verletzungen,
und um die Erkenntnis deiner Gegenwart.
Lehre uns zu erkennen,
dass sich auch die allergrößten Sünder
nur nach Glück und Liebe, nur nach dir sehnen!
Mach du unser Herz weit,
damit wir nicht kleinlich und hart sind,
wo du großzügig und barmherzig bist.
Zeige uns, wie das geht:
Die Sünde zu hassen
aber die Sünder zu lieben.
Herr, mach du!
Amen.




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